Waldbaden - Ein neuer Trend oder die Erinnerung an altbekanntes Wissen?

Gehst Du noch spazieren oder badest Du schon im Wald? Dass uns der Aufenthalt in der Natur entspannt, den Kopf frei macht und die Laune hebt, haben wir alle schon erlebt – aber was ist wirklich dran an diesem neuen Wellness-Trend namens „Shinrin Yoku“, „Forest Bathing“ oder zu Deutsch „Waldbaden“? Erfahre Erstaunliches über das Waldbaden und welche positiven Auswirkungen ein bewusster Spaziergang im Wald auf Deine Gesundheit hat. Am Ende erfährst Du Tipps, wie Du Dir den Wald ganz einfach nach Hause holen und in den eigenen 4 Wänden Dein "Waldbad" genießen kannst.

nadelwald lichtdurchflutet

Unbestritten ist, dass der Wald uns Menschen guttut. Biophilia nannte das in den achtziger Jahren der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson. Er bezeichnete damit unsere Liebe zu allem Lebendigen. Wir seien genetisch dazu bestimmt, die Natur zu lieben. „Das ist in unserer DNA“, so Wilson. Unsere Verbindung mit der Natur sei „das Resultat eines Jahrmillionen langen Evolutionsprozesses“, schreibt der Grazer Biologe Clemens G. Arvay in seinem 2016 erschienenen Buch „Der Biophilia-Effekt“. Die Natur sei unser evolutionäres Zuhause, daher liege in dieser Verbindung die Möglichkeit „grüner Heilung“.

Was ist Waldbaden?

Nun könnte man meinen, dass die Idee nicht allzu neu ist. Im Wald spazieren gegangen sind die Menschen schon immer. Beim Waldbaden aber geht es um mehr. Es kommt auf die Achtsamkeit an – und die Entschleunigung. Während beim Spazieren im Schnitt fünf Kilometer pro Stunde zurückgelegt werden, sollte es beim Waldbaden nur ein Kilometer pro Stunde sein. Unter Waldbaden versteht man daher grundsätzlich das bewusste Verweilen im Wald – um sich zu erholen und seine Gesundheit zu stärken. Als Kinder haben wir das alle schon erlebt – wir haben herumgetrödelt, sind mit allen Sinnen in den Wald eingetaucht und haben Zeit und Raum vergessen. Wer sich als Erwachsener auf die Erfahrung einlässt, einfach mal wieder im Wald zu sein, dem ergeht es ebenso.

        heller waldweg    
        dunkler waldweg    
        braune stiefel waldlaufen    

Was bei uns vielleicht noch mitunter belächelt wird und mit einem esoterischen Beigeschmack versehen ist, ist in asiatischen Ländern schon längst eine staatlich geförderte Präventionsmaßnahme. In Japan werden seit 1982 hohe Forschungsgelder investiert, um das Wissen um die Heilkraft, die wir im Wald empfangen, wieder zu den Menschen zurückzubringen – auf evidenzbasierte Art und Weise, weil uns der schlichte Glaube heute nicht mehr reicht. Man spricht dort vom Shinrin Yoku, was übersetzt eben so viel wie „in der Atmosphäre des Waldes baden“ bedeutet. Mittlerweile hat sich daraus die „Waldtherapie“ entwickelt und es gibt bereits unzählige Therapiewälder und Kurzentren. Die „Waldmedizin“ ist eine anerkannte wissenschaftliche Disziplin, die an Universitäten und Hochschulen in Japan gelehrt wird.

Wie wirkt Waldbaden?

Vorreiter und Ikone der Entwicklung ist der Forscher und Mediziner Prof. Dr. Qing Li, von der Nippon Medical School in Tokyo, dessen Forschungsarbeit deutlich zeigt, dass wir den Wald regelmäßig aufsuchen sollten, um unser Wohlbefinden zu steigern und unsere Gesundheit zu fördern. Dr. Qing Li weist in seinen Arbeiten den Botenstoffen der Bäume eine zentrale Bedeutung zu. Pflanzen kommunizieren über chemische Substanzen miteinander. Sie senden Moleküle aus, die mit Informationen behaftet sind – man könnte sie auch als „Pflanzenvokabeln“ bezeichnen. Wenn Pflanzen beispielsweise von Schädlingen befallen werden, senden sie Artverwandten Botschaften aus, welche sogar die Art des Angreifers und das Ausmaß des Befalls verraten. Die meisten davon gehören zu der Stoffgruppe der sogenannten Terpene. Bislang sind über 8.000 Terpene und über 30.000 verwandte Terpenoide bekannt. Terpene und ihre Abkömmlinge bilden den Hauptbestandteil von ätherischen Ölen. Diese nehmen wir über unseren Geruchssinn und über die Schleimhäute unserer Atemwege auf. „Wir atmen den Duftcocktail der Bäume ein (…)“, sagt Prof. Dr. Qing Li. Von dort aus interagieren die Duftstoffe auf höchst gesundheitsfördernde Weise mit unserem Immunsystem. 


Die japanischen Forscher haben herausgefunden, dass Waldbaden Stress reduziert und nachhaltig entspannt, das Herz schützt und unser Immunsystem stärkt. Ein Tag im Wald senkte bei Männern den Adrenalingehalt im Urin um fast 30%. Am zweiten Tag im Wald sogar um 35%. Bei Frauen war es sogar so, dass ihr Adrenalingehalt am ersten Tag um mehr als 50% sank, am zweiten Tag um mehr als 75% im Vergleich zum Ausgangswert. Ein Stadturlaub bewirkte im Vergleich dazu am ersten Tag keine Reduzierung der Stresshormone und führte am 2. Tag zu einer Zunahme. Ebenfalls wurde nachgewiesen, dass die Waldatmosphäre den Parasympathikus aktiviert, der auch als „Nerv der Ruhe“ bezeichnet wird. Seine Aktivität dient der Regeneration, der Entspannung und dem Wiederaufbau körperlicher und geistiger Kraftquellen. Zudem senkt die Inhalation von Waldluft den Blutdruck und allein der regelmäßige Aufenthalt in der Natur hilft gegen Schlafstörungen.  Das von der Nebennierenrinde produzierte Hormon DHEA ist nach einem Waldaufenthalt verstärkt im Körper vorhanden. Es gilt als „Herzschutz-Substanz“ und schützt nicht nur das Herz, sondern auch den Menschen vor Diabetes, es reduziert die Gefahr von Fettleibigkeit, steigert das Wohlbefinden bei Depression und chronischem Müdigkeitssyndrom und hilft bei der Regulation von Stress und Bluthochdruck. 
Die Waldluft enthält weiters „Anti-Krebs-Terpene“ mit anti-kanzerogener und immunstärkender Wirkung. Es wurde beobachtet, dass in bewaldeten Gebieten weniger Menschen an Krebs sterben als in Regionen ohne Wald. Bereits ein einziger Tag in einem Waldgebiet steigert die Zahl der natürlichen Killerzellen im Blut durchschnittlich um fast 40%, bei zwei Tagen hintereinander bereits um 50%. Nach einem einzigen Tag im Wald hat man für etwa sieben Tage lang mehr natürliche Killerzellen im Blut als üblicherweise. Auch ohne in dieser Zeit nochmal in den Wald zu gehen. Nach 2 bis 3 Tagen bleibt die Anzahl der Killerzellen sogar noch 30 Tage lang erhöht.  

Regelmäßige Aufenthalte im Wald tragen zur körperlichen Erholung und Regeneration bei.


Inzwischen erforschen auch europäische Wissenschaftler die Heilkraft des Waldes. Ein österreichisches Forscherteam kam zum Schluss: Regelmäßige Aufenthalte im Wald tragen zur körperlichen Erholung und Regeneration bei, stärken das Immunsystem, verbessern die Schlafqualität und harmonisieren das Nervensystem. „Ein Waldspaziergang fördert unsere Gesundheit ganzheitlich auf psychischer, physischer und sozialer Ebene“, erklärt Daniela Haluza, Umweltmedizinerin an der Medizinischen Universität Wien.  „Verlässlichen Studien zufolge kann man davon ausgehen, dass das Waldbaden Stress reduziert und die Erholung fördert“, sagt die Klimatologin Angela Schuh von der Ludwig-Maximilians-Universität München.  

Es gibt aber auch Wissenschaftler, die glauben, dass die Konzentration der Duftstoffe im Wald zu gering ist, um den Körper derart zu beeinflussen. Sie vermuten eher eine instinktive Reaktion hinter den unbestreitbar vorhandenen Erholungseffekten. Auch müsse noch erforscht werden, ob die bewirtschafteten Buchen-, Eichen- und Kiefernwälder bei uns überhaupt die gleiche Wirkung wie Pinien, Zedern und Lärchen im teilweise subtropischen Japan haben. Angela Schuh findet ein anderes Phänomen viel wichtiger: Unsere psychische Konditionierung durch Wald sei fast immer positiv, daher reagiere der Körper entsprechend. Auch Kranke würden im grünen Umfeld erwiesenermaßen schneller gesund.  Achtsamkeit und Muße könnten diesen Effekt maximieren: Wir fühlen uns weniger gestresst, erholen uns, schlafen besser. Der Wald wirkt entschleunigend, die frische, kühle Luft stärkt und vitalisiert. Die Forscher sind sich einig, dass im Wald ein ganzer „Cocktail“ auf uns einwirkt – angefangen von der evolutionären Bedeutung des Waldes als geschützter Raum über die beruhigenden Naturgeräusche und das heilsame Grün bis hin zu den angenehmen Walddüften.

Ätherische Öle kommunizieren mit unserem Immunsystem

Einige dieser Düfte, allen voran die Limonene und Pinene, kommunizieren direkt mit unserem Immunsystem. Das limbische System in unserem Gehirn reagiert mit der Ausschüttung von Hormonen und Neurotransmittern, welche wiederum positiv auf die Gesundheit wirken. In den ätherischen Ölen heimischer Nadelbäume wie Kiefer, Fichte oder Weißtanne sind besonders viele Terpene enthalten, aber auch Laubbäume verfügen über diese Botenstoffe. Wie bereits aus der Aromapflege und -therapie bekannt, wirken die ätherischen Öle der Nadelbäume mit ihren Hauptbestandteilen den Terpenen auch in Form der Raumbeduftung, etwa mittels Aromavernebler. Die ätherischen Öle von Nadelbäumen haben eine erfrischende, luftreinigende und für die Atemwege (Bronchien) gesundheitsfördernde Wirkung.

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Wann ist die beste Zeit zum Waldbaden?

Terpene sind in der Waldluft immer vorhanden, allerdings im Winter in reduzierter Form. Bei Nadelbäumen wirken die Nadelspitzen als Kondensationspunkte welche die Taubildung fördern und vor allem im Winter zusätzlich erfrischen. Auch wirken die Nadeln wie ein Sieb, in dem Staub hängen bleibt. Am intensivsten ist die Konzentration im Sommer sowie bei Nebel und Regen. Es ist schön, den Wald zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter bewusst zu erleben. 


Wer sollte Waldbaden?

Waldbaden ist wirklich für alle geeignet und ein Besuch beim „Dr. Wald“ ist gratis, nebenwirkungsfrei und jedem jederzeit frei zugänglich. Vor allem Menschen, die sich gestresst fühlen, schwer abschalten oder entspannen können, profitieren vom regelmäßigen Aufenthalt im Wald. Durch die Faszination in der Natur werden wir abgelenkt von Schmerzen, Ängsten oder Sorgen, unsere Konzentrationsfähigkeit steigt, wir aktivieren unsere Selbstheilungskräfte, stärken unser Immunsystem, sowie unser Herz. 

Schlussgedanken

Ob wir nun dran glauben oder nicht, es eh schon immer gewusst haben oder zum ersten Mal davon hören – der Wald wirkt und macht uns gesund, weil er unser evolutionäres Zuhause ist. Und der aktuelle Trend Shinrin Yoku macht wieder Lust darauf, den Wald wie ein Kind für sich zu entdecken: schlendernd, mit offenen Sinnen und ungezügelter Entdeckungslust. Mal ohne Nordic Walking-Stöcke, Pulsuhr oder Trainingsplan. Ohne Ziel und doch mit so viel Gewinn. 

Und zum Abschluss unsere Tipps für ein "Waldbad für Zuhause"

Waldbaden „to go“ und für Zuhause

Hat man nicht die Gelegenheit in den Wald zu gehen, dann kann man sich diesen auch in die eigenen vier Wände holen:

  • Ätherische Öle von Zirbe, Weißtanne, Kiefer, Fichte, Zypresse wirken beispielsweise im Vernebler, Duftstein oder Riechstifte 
  • Einrichtungen oder Räume mit viel Holz senken den Herzschlag (z.B. Zirbenbett)
  • Fenster mit Ausblick auf Grün wählen und immer mal wieder den Blick hinausschweifen lassen und die Augen entspannen – in die Ferne schauen
  • Waldbilder aufhängen: der Anblick beruhigt nachweislich
  • Kleine Handschmeichler aus Holz, Rinde – allein das Anschauen und Fühlen hat eine beruhigende Wirkung (ein Stück Natur aktiviert im Gehirn die Bereiche für Mitgefühl und Wahrnehmung) 
  • Sich um Pflanzen kümmern – einen Garten, Balkon-Garten anlegen
  • Grünkraft kann man auch essen und trinken – Wildpflanzen, Grüner Smoothie
  • Mit Meditationen, Imaginationen und Fantasiereisen kann man sich den Wald nach Hause bzw. sich geistig mit Hilfe der Vorstellungskraft in den Wald schicken


Literaturverzeichnis

Arvay, G. C. (2016). Der Biophilia Effekt – Heilung aus dem Wald. Wien.
Arvay, G. C. (2018). Der Heilungscode der Natur. München.
Li, Q. et al. (2018). The Art and Science of Forest-Bathing. Nippon Medical School, Tokio.
Wilson, E. (1984). Biophilia. The human bond with other species. Cambride, MA: Harvard University Press.
Zeit Wissen (2018). Spring! https://www.zeit.de/zeit-wissen/2018/03/waldbaden-natur-heilung-gesundheit-japan/komplettansicht (16.10.2019)
Inge Staub (2018) .THERAPIE: Zum Heilbad in den Wald. https://www.tagblatt.ch/panorama/therapie-zum-heilbad-in-den-wald-ld.930756 (Zugriff 16.10.2019)
DAZ - Deutsche Apotheker Zeitung (2002). "Wundermittel": DHEA - ein Hormon mit vielfältigen Wirkungen. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2002/daz-8-2002/uid-5535 (17.10.2019)
Vor allem japanische und koreanische Studienergebnisse weisen nach, dass ein Aufenthalt im Wald einen Einfluss auf die Gesundheit hat:
Department of Hygiene and Public Health (2009). Effect of forest bathing trips on human immune function. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2793341/ (16.10.2019).
Angela Schuh vom Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung an der Ludwig--Maximilians-Universität in München hat im Auftrag des Bäderverbandes Mecklenburg-Vorpommern aktuelle Studien zur Waldtherapie ausgewertet:
Schuh, A. & Immich, G. (2013). Kur- und Heilwald in Mecklenburg-Vorpommern. Evaluation, zusammenfassender Bericht und wissenschaftliche Expertise. https://ihrs-en.ibe.med.uni-muenchen.de/health-resorts/forest-therapy/review-waldtherapie-final.pdf (16.10.2019)

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